Der Stern - Tageskarte

Der Stern - Tageskarte

von Betina Graf ISSN 3056-302X
Der Stern - Tageskarte

Manchmal merkt man erst am Abend, dass etwas leichter geworden ist. Die Sache, über die man gestern noch ständig nachgedacht hat, war heute für ein paar Stunden einfach weg aus dem Kopf. Kein großer Durchbruch, kein plötzlich gelöstes Problem. Nur Ruhe. Und die kann nach anstrengenden Tagen erstaunlich viel verändern.

Der Stern im Rider-Waite-Smith-Tarot passt zu solchen Momenten. Die Frau auf der Karte kniet nackt am Wasser, über ihr leuchten acht Sterne. Sie wirkt weder begeistert noch erleichtert. Sie tut einfach, was zu tun ist, gießt Wasser aus und ist dabei vollkommen ungeschützt. Nach dem Turm, der im Tarot unmittelbar vor dem Stern kommt, wirkt diese Szene fast ungewöhnlich unspektakulär. Der Druck hat nachgelassen. Jetzt lässt sich wieder sehen, was noch da ist.

Affirmation

Ich vertraue darauf, dass sich manches Schritt für Schritt wieder fügt.

Hoffnung muss nicht immer groß und überwältigend sein. Vielleicht hatten Sie sich von etwas mehr versprochen. Vielleicht waren Sie müde davon, immer wieder an dieselbe Stelle zu kommen. Und dann gibt es Tage, an denen der Ärger darüber nicht mehr ganz so viel Raum einnimmt. Das Problem ist damit nicht verschwunden. Aber Sie schauen wieder anders darauf. Ein kleines Stück weniger verbissen, ein kleines Stück neugieriger.

Die Frau auf der Karte ist nackt. Das wirkt im ersten Moment fast nebensächlich, ist es aber nicht. Sie hat nichts bei sich, womit sie Eindruck machen könnte. Keine Rüstung, kein Schmuck, nicht einmal Schuhe. Nach dem Turm passt das erstaunlich gut. Wenn etwas gründlich durcheinandergeraten ist, bleibt manchmal nur das übrig, was tatsächlich zu einem gehört. Das kann erst einmal ernüchtern. Dafür ist es wenigstens echt.

Und dann gießt sie Wasser aus, ohne dabei zu prüfen, ob jeder Tropfen gut angelegt ist. Ein Teil fließt in den Teich, ein anderer über die Erde. Wer gerade sehr auf Ergebnisse schaut, könnte nervös werden. Beim Stern passt dieses Rechnen nicht recht. Manche Dinge brauchen erst einmal Versorgung, Aufmerksamkeit, Zeit. Mehr ist an einem einzelnen Tag gar nicht zu leisten.

Wenn Sie heute Lust bekommen, etwas wieder aufzunehmen, das eine Weile liegen geblieben ist, nehmen Sie diesen Impuls auf. Es muss daraus noch nichts Großes werden. Vielleicht lesen Sie zwei Seiten weiter, schreiben einen Namen auf, suchen etwas heraus oder denken einen Gedanken zu Ende, den Sie schon länger mit sich herumtragen. Der Stern ist auch darin angenehm unaufdringlich.

Und falls der Tag einfach nur friedlicher ist als die letzten: auch gut. Nicht jeder gute Tag muss etwas beweisen.

Möge heute irgendwo ein kleines Licht angehen, mit dem Sie gar nicht gerechnet haben – und möge es Ihnen genügen, erst einmal nur zu sehen, dass es da ist.