Das Zutrauen zu den eigenen Fähigkeiten ist eine eigenwillige Sache. Solange etwas vertraut ist, denken die meisten Menschen kaum darüber nach. Sie tun, was zu tun ist. Erst vor einer neuen Aufgabe tauchen Zweifel auf à la: "Kann ich das wirklich?"
Da liegt zum Beispiel eine Liste auf dem Tisch. Für einen gemeinsamen Abend wird noch jemand gesucht, der die Gäste begrüßt. Sie hätten durchaus Lust dazu. Der Stift liegt bereit. Und schon fällt Ihnen ein, wer dafür angeblich viel geeigneter wäre. Der Engel des Selbstvertrauens würde Ihnen den Stift gewiss nicht aus der Hand nehmen. Vermutlich würde er sich eher wundern, wie rasch Sie Ihren eigenen Namen ausgeschlossen haben.
Botschaft des Engels des Selbstvertrauens
Du musst vor mir nicht so tun, als wäre dir alles zuzutrauen. Es wäre auch schade, wenn du nur noch Dinge angehen würdest, bei denen du dich niemals unsicher fühlst. Denk an eine Aufgabe, die dir früher schwerfiel und die du heute beinahe nebenbei erledigst. Irgendwann war auch da ein erster Versuch nötig. Wenn du mich wegen einer Entscheidung befragst, verspreche ich dir keinen mühelosen Verlauf. Aber ich halte mehr von deiner Fähigkeit, dich in etwas hineinzufinden, als von all den Befürchtungen, die du im Voraus sammelst. Nimm deinen Wunsch ernst. Sieh nach, was du brauchst, um anzufangen. Und behandle dich auf diesem Weg so freundlich, wie du einen Menschen behandeln würdest, dem du etwas zutraust.
Auf der Liste ist noch immer eine Zeile frei. Sie sehen den Stift an und gehen im Kopf Ihre Einwände durch. Dabei haben Sie vermutlich schon etliche Dinge gelernt, bei denen der Anfang ähnlich holprig war. Schon merkwürdig, was das Gedächtnis mit diesen Erfahrungen macht: Gelungene Versuche landen unter „erledigt“. Die Fehlversuche bleiben viel eher haften.
Besonders ungerecht wird diese Buchführung, wenn ein Erfolg nachträglich zum Zufall erklärt wird. Eine Sache ist gelungen? Dann waren die Umstände günstig. Jemand hat Ihre Arbeit gelobt? Derjenige war eben freundlich. So kann man sich das eigene Können über Jahre hinweg wegargumentieren. Wenn Sie mit jemand anderem so streng abrechnen würden, wäre das Gespräch vermutlich bald beendet. Im eigenen Kopf kann es jahrelang weitergehen.
Der Engel des Selbstvertrauens würde keinen Vortrag darüber halten, wie fest man nur an sich glauben müsse. Vielleicht sind Ihre Bedenken sogar berechtigt. Für den gemeinsamen Abend fehlt Ihnen womöglich eine wichtige Auskunft: Wer schließt den Raum auf? Bevor Sie fragen, erscheint das als Hindernis von beachtlichem Format. Hinterher sind es ein Name und eine Uhrzeit. Manches, was zuvor gegen die eigene Eignung zu sprechen schien, erweist sich bei näherem Hinsehen als ganz gewöhnliche Frage.
Ein Teil der Unsicherheit stammt womöglich aus einer Zeit, in der andere festgelegt haben, was Ihnen liegt. Solche Urteile halten sich hartnäckig. „Dafür bist du zu schüchtern“, hieß es irgendwann, und Jahrzehnte später meldet sich derselbe Satz, obwohl sich längst vieles verändert hat. Manche fremde Einschätzung trägt man so lange mit sich herum, dass man ihren Ursprung schon ganz vergessen hat - aber er wirkt dennoch unbewusst weiter.
Wenn Sie heute eine Frage an diesen Engel gerichtet haben, könnte seine Antwort also durchaus unbequem sein. Denn er würde Sie kaum dabei unterstützen, einen Wunsch allein deshalb aufzugeben, weil Sie sich vor der eigenen Entschlossenheit erschrecken. Er würde allerdings auch keinen Sprung verlangen, für den jeder vernünftige Anhaltspunkt fehlt. Vielleicht lässt sich Ihr Vorhaben an einer überschaubaren Stelle beginnen. Dort, wo Sie Erfahrungen sammeln können, anstatt sich wochenlang auszumalen, wie eine Entscheidung eines Tages ausgehen könnte.
Und falls Sie jemanden um Rat fragen möchten, tun Sie das ruhig. Ein freundlicher Hinweis kann hilfreich sein, ein Widerspruch ebenfalls. Schwierig wird es erst, wenn der Rat eines anderen wie ein Urteil behandelt wird. Sie können zuhören und am Ende anders entscheiden. Dem Gespräch tut das keinen Abbruch. Ihr Leben kennt dieser Mensch schließlich nur ausschnittweise.
Vielleicht bleibt die freie Zeile auf der Liste heute sogar frei. Auch das kann eine überlegte Entscheidung sein. Der Engel des Selbstvertrauens hätte schließlich wenig Freude daran, wenn Sie sich aus lauter Beweisdrang etwas aufladen. Wichtiger ist, dass Sie Ihr Ja oder Nein selbst vertreten können.
Und wenn Sie den Stift doch nehmen: Sie werden herausfinden, wie Sie die Aufgabe bewältigen. Dabei kommt Ihnen zugute, was Sie schon können. Für alles Weitere haben Sie die Möglichkeit zu lernen. Der Platz auf der Liste gehört nun Ihnen!
Für Ihren Tag etwas Leichtigkeit und einen Gedanken, der guttut.