Engel des Fleißes

Engel des Fleißes

von Betina Graf ISSN 3056-302X
Engel des Fleißes

Manche Tage beginnen mit einer ToDo-Liste, die einen schon beim Hinsehen müde macht. Dabei geht es nicht um eine einzelne Aufgabe. Es ist eher dieses diffuse Gefühl der Überlastung, dass alles gleichzeitig danach "schreit", möglichst noch heute erledigt zu werden. Der Engel des Fleißes reagiert darauf angenehm nüchtern: Fang mit etwas Einfachem an, danach vielleicht das, das dir am unangenehmsten erscheint.

An solchen Tagen ist Fleiß keine Tugendmedaille. Eher die Entscheidung, die nächste halbe Stunde einer Sache zu geben, ohne dabei schon den ganzen Berg mit sich herumzutragen. Das nimmt der Liste ein wenig von ihrer Last.

Botschaft des Engels des Fleißes

Nimm dir etwas vor, das du heute wirklich weiterbringen kannst. Bleib eine Weile dabei und mach es ordentlich. Du brauchst kein Rekordergebnis, und du musst auch niemandem beweisen, wie viel in einen Tag hineinpasst. Wenn du merkst, dass deine Konzentration nachlässt, mach eine Pause. Fleiß funktioniert besser, wenn du vernünftig mit deiner Kraft umgehst.

Der Engel des Fleißes steht übrigens mit keiner Stoppuhr neben Ihrem Schreibtisch. Sie bekommen von ihm auch keinen inneren Fleißstern, weil am Abend besonders viele Häkchen auf der Liste stehen. Ihm liegt mehr an diesem zufriedenstellenden Punkt, an dem eine Sache wirklich erledigt ist. Man kann sie weglegen. Der Kopf muss sie nicht weiter mit sich herumtragen.

Fleiß ist von außen kaum zu sehen. Ein fertiges Ergebnis verrät selten, wie viele Anläufe darin stecken. Bei längeren Vorhaben kommt irgendwann diese etwas undankbare Phase, in der der Anfang längst vorbei ist und das Ende noch nicht in Reichweite scheint. Da hilft kein hübscher Vorsatz mehr. Man setzt sich wieder dran. Und irgendwann merkt man beim Zurückschauen, dass doch einiges hinter einem liegt.

Bei einer Frage, die Sie mit dieser Engelkarte verbinden, würde der Engel vermutlich recht sachlich werden. Braucht die Angelegenheit wirklich noch mehr Überlegung? Oder wäre es hilfreicher, etwas auszuprobieren und zu sehen, was daraus wird? Manche Frage wird im Kopf immer komplizierter, je länger man sie dort bewegt. Sobald ein erster Schritt getan ist, hat man etwas Reales vor sich. Damit lässt sich arbeiten.

Auch eine Entscheidung kann dadurch klarer werden. Fragen Sie sich einmal, für welche Möglichkeit Sie tatsächlich Arbeit investieren möchten. Nicht nur heute, solange die Idee frisch ist. Auch später, wenn Routine einzieht und Teile davon lästig werden. Das klingt wenig romantisch, ist aber ziemlich aufschlussreich. Fleiß hält sich selten lange bei Dingen, die einem vollkommen gleichgültig sind.

Allerdings kennt dieser Engel auch den Unterschied zwischen Einsatz und unnötigem Sich-Abmühen. Wer seit Stunden an einer Sache sitzt und kaum noch einen vernünftigen Gedanken zustande bringt, wird durch eine weitere Stunde nicht fleißiger. Dann ist Schlussmachen keine Niederlage. Morgen weiterzuarbeiten gehört ebenfalls zur Sache.

Für heute muss deshalb nicht die ganze Liste verschwinden. Suchen Sie sich etwas, das Sie wirklich voranbringen möchten, und geben Sie ihm Ihre Aufmerksamkeit. Wenn Sie später einen Punkt mit gutem Gefühl streichen können, tun Sie es ruhig mit ein bisschen Nachdruck. So ein Strich quer durch eine erledigte Aufgabe kann ausgesprochen befriedigend sein.