Engel der Urteilsfähigkeit

Engel der Urteilsfähigkeit – Ihre Engelkarte mit Botschaft

von Betina Graf ISSN 3056-302X
Engel der Urteilsfähigkeit

Über eine neue Nachbarin lässt sich allerhand erfahren, bevor man überhaupt mit ihr gesprochen hat. Sie sei schwierig, heißt es. Als sie Ihnen dann im Treppenhaus begegnet und nach einem knappen Gruß weitergeht, scheint die Sache entschieden. Dabei hat sie bisher nur gegrüßt. Ob sie wortkarg ist oder einen schlechten Tag hatte, wissen Sie noch gar nicht.

Solche Urteile sind vom Hörensagen da, bevor Sie eigene Erfahrungen machen. Der Engel der Urteilsfähigkeit würde bei der Bemerkung über die Nachbarin wohl nachfragen: Was hat sie denn getan? Bis dahin wissen Sie eigentlich nur, dass jemand mit ihr nicht zurechtkommt. Sie selbst könnten ganz andere Erfahrungen mit ihr machen. Beim nächsten Treffen könnten Sie ein paar Worte mehr mit ihr wechseln.

Botschaft des Engels der Urteilsfähigkeit

Du musst dich keinem Urteil anschließen, nur weil andere sich ihrer Sache sicher sind. Nimm dir die Zeit, selbst hinzusehen. Was du dabei erfährst, zählt. Auch dann, wenn du deine bisherige Meinung ändern musst.

Einem Menschen zu widersprechen, den Sie mögen, fällt schwerer, als eine beiläufige Bemerkung zu hinterfragen. Seine Meinung hat Gewicht bei Ihnen. Da fühlt sich ein Widerspruch rasch an, als fielen Sie ihm in den Rücken. Erzählen Sie trotzdem, was Sie anders erlebt haben. Vielleicht kommt dabei etwas zur Sprache, das dem anderen bisher entgangen war.

Haben Sie die Karte mit einer konkreten Frage gezogen, würde der Engel Ihnen raten, die wichtigste Annahme hinter Ihrer Entscheidung zu prüfen. Worauf verlassen Sie sich? Wenn davon viel abhängt, lohnt sich eine Nachfrage. Auch ein ungutes Gefühl verdient diese Sorgfalt: Hat jemand wiederholt sein Wort gebrochen, oder macht Sie die Warnung eines anderen misstrauisch?

Mitunter kommt beim näheren Hinsehen auch etwas heraus, das Ihnen gegen den Strich geht. Sie mochten Ihre erste Meinung. Sie haben sie vielleicht sogar ziemlich nachdrücklich vertreten. Dann ist die Versuchung verständlich, das neue Wissen ein bisschen zurechtzurücken, bis die alte Ansicht wieder bequem sitzt. Tun Sie sich diesen Gefallen lieber nicht. Er macht auf Dauer zu viel Arbeit.

Eine geänderte Meinung müssen Sie übrigens nicht als peinlichen Irrtum behandeln. Sie haben etwas dazugelernt. Das können Sie auch so sagen, ohne sich lange zu rechtfertigen. Beim nächsten Gespräch müssen Sie dann keine Ansicht mehr verteidigen, die Sie selbst schon anzweifeln.

Vielleicht fällt es Ihnen dadurch leichter, auf jemanden zuzugehen, den Sie bisher eher gemieden haben. Sie möchten nun doch wissen, was für ein Mensch das ist. So kann aus einem überdachten Urteil eine gute Bekanntschaft werden, die Sie beinahe verpasst hätten.

Für Ihren Tag etwas Leichtigkeit und einen Gedanken, der guttut.