Neugierde hat wenig Sinn für die Kunst des verständigen Nickens. Sie möchte lieber wissen, was jemand genau meint. Zum Beispiel: Sie sitzen mit ein paar Leuten zusammen. Jemand verwendet einen Begriff, den Sie nie gehört haben. Alle nicken; Sie nicken mit. Beim zweiten Mal klingt das Wort schon fast vertraut, obwohl Sie weiterhin keine Ahnung haben, was es bedeutet. Es wäre so einfach, nachzufragen. Aber wer möchte schon mitten in einem Gespräch zugeben, dass er etwas nicht weiß?
Der Engel der Neugierde würde sich diese Mühe sparen. Er hätte schon beim ersten Mal gefragt und anschließend aufmerksam zugehört.
Botschaft des Engels der Neugierde
Du möchtest etwas wissen? Dann frag. Auch ein zweites Mal, wenn du die Antwort noch nicht verstanden hast. Ich finde es schade, wenn du dein Interesse zurückhältst, weil du meinst, du müsstest längst Bescheid wissen. Und falls du mir heute eine Frage mitgebracht hast, schau dir die Sache näher an. Vielleicht kennt jemand einen Weg, von dem du bisher noch nichts gehört hast. Ich habe Zeit für deine Fragen. Nimm du sie dir auch.
Wenn Sie in der Runde schließlich nachfragen, geschieht vermutlich nichts Peinliches. Jemand holt Luft, erklärt die Sache noch einmal und kommt beim Erzählen auf etwas, das er anfangs gar nicht erwähnen wollte. Der Mann, der bisher etwas wortkarg wirkte, wird lebhaft. Ihm macht es Freude, dass jemand nachhakt. Ihnen macht es Freude, ihm zuzuhören. Er beginnt mit der Geschichte, wie er überhaupt zu dieser Beschäftigung gekommen ist. Das hätte er ohne Ihre Frage wohl gar nicht erzählt.
Mit der Zeit lernt man eine Menge Tricks, um die eigene Unkenntnis zu überspielen. Da wird ein Fachwort freundlich angelächelt, als wäre es ein alter Bekannter. Man kann darin recht geschickt werden. Nur wozu eigentlich? Sie sitzen längst in keinem Klassenzimmer mehr, in dem ein Fehler rot angestrichen wird. Und wenn jemand eine Frage albern findet, hat er damit über die Antwort noch gar nichts gesagt.
Menschen haben die Angewohnheit, ein neues Interesse sofort auf seinen Nutzen abzuklopfen. „Was willst du denn damit?“, lautet dann die Frage. Nichts weiter. Vielleicht einfach wissen, wie es funktioniert. Der Mann in Ihrer Runde hat Ihnen etwas erzählt, an dem er Freude hat. Warum sollte man daraus gleich eine Aufgabe machen? Es kann doch bei einem guten Gespräch bleiben. Auch das macht einen Tag schöner.
Bei einer Sache, die Ihnen am Herzen liegt, kann Neugierde ziemlich hartnäckig werden. Der Engel dürfte aufmerksam zuhören, wenn Sie ihm erklären, weshalb Sie noch zögern. Spätestens bei der vierten Befürchtung würde er wohl fragen, ob Sie inzwischen etwas Neues erfahren haben. Wer schon lange über eine Entscheidung nachdenkt, kennt seine Bedenken irgendwann auswendig. Man trägt sie mit sich herum, bis man kaum noch auf die Idee kommt, sie zu überprüfen. Dabei könnte eine Auskunft von jemandem, der die Sache aus eigener Erfahrung kennt, weiterhelfen.
Freilich muss eine solche Auskunft nicht angenehm sein. Vielleicht hat der andere etwas erlebt, das Sie lieber nicht hören würden. Das ist der Haken am echten Interesse: Man kann die Antwort nicht vorher bestellen. Doch manchmal steckt in ihr ausgerechnet das Detail, das Ihnen bislang gefehlt hat. Die Sache sieht danach anders aus. Sie können sich immer noch dagegen entscheiden. Nur hätten Sie dann aus Kenntnis der Umstände entschieden, und das fühlt sich anders an als eine Vermutung, die sich nie bewähren musste.
Und wenn das fremde Wort nächste Woche wieder fällt? Dann nicken Sie vielleicht erneut. Diesmal, weil Sie tatsächlich verstanden haben, worüber gesprochen wird. Oder Sie haben schon die nächste Frage parat. Ein schöner Grund, sich auf ein weiteres Gespräch zu freuen.
Für Ihren Tag etwas Leichtigkeit und einen Gedanken, der guttut.