Engel der Klarheit

Engel der Klarheit – Ihre Engelkarte mit Botschaft

von Betina Graf ISSN 3056-302X
Engel der Klarheit

Manche Fragen sind anfangs überschaubar. Dann kommt ein Gedanke hinzu, ein zweiter widerspricht ihm, und bald liegen so viele Möglichkeiten vor einem, dass die eigentliche Frage kaum noch zu erkennen ist. Wer an einer Sache hängt, kann ungeheuer erfinderisch werden. Leider auch beim Ausdenken dessen, was schiefgehen könnte.

Da ist etwa der Satz: „Darüber sprechen wir später.“ Vier Wörter, die harmlos klingen. Wenn Ihnen das Gespräch wichtig ist, führt dieses „später“ womöglich ein Eigenleben. Ist etwas nicht in Ordnung? Wurde die Entscheidung bereits getroffen? Der Engel der Klarheit würde wohl zunächst fragen: Was wurde tatsächlich gesagt? Bislang nur, dass ein Gespräch folgen soll. Alles Weitere steht noch aus.

Botschaft des Engels der Klarheit

Wenn dich etwas beschäftigt, musst du daraus kein Rätsel machen, das du allein lösen sollst. Du kannst mich um eine Antwort bitten, doch ich werde dir keine Gewissheit über die Gedanken anderer versprechen. Schau auf das, was du wirklich weißt. Hast du einen Satz gehört, oder hast du ihn in deiner Sorge selbst zu Ende geschrieben? Frag nach, wenn du dir unsicher bist! Eine verständliche Antwort kann zwar wehtun. Aber du weißt dann wenigstens, woran du bist. Und wo heute noch keine Antwort möglich ist, lass eine Frage ruhig offen. Sieh auf das, was konkret vor dir liegt. Da kannst du ansetzen.“

Ein Gespräch, das „später“ stattfinden soll, hat zunächst weder einen Tag noch eine Uhrzeit. Trotzdem kann es sich im Kopf bereits wie eine Absage anfühlen. Irgendwann reagiert man auf etwas, das noch gar nicht geschehen ist. Man zieht sich zurück, wird gereizt oder schreibt in Gedanken schon die Erwiderung auf einen Vorwurf, den niemand ausgesprochen hat. Die andere Person ahnt davon womöglich nichts. Sie wollte bloß erst den Abwasch erledigen.

So etwas kann peinlich sein, wenn es sich aufklärt. Aber vor allem kostet es viel Kraft. Der Engel der Klarheit hätte wohl Verständnis dafür, dass Ungewissheit schwer auszuhalten ist. Er würde Sie nur ungern in einem Gedankengang sitzen lassen, der Sie den Tag über grübeln lässt. Seine Antwort wäre deshalb erfreulich bodenständig: Fragen Sie, was „später“ bedeutet. Ein gewöhnliches „Meinst du heute Abend?“ kann mehr helfen als eine weitere Stunde Nachdenken.

Eine eindeutige Antwort ist freilich nicht immer eine angenehme. Auch das gehört zu diesem Engel. Klarheit hat wenig mit dem Wunsch zu tun, ausschließlich Beruhigendes zu hören. Wenn jemand eine Bitte ablehnt, trifft das womöglich empfindlich. Doch nun gibt es wenigstens Worte, über die sich sprechen lässt. Ein Verdacht ist da weit weniger handlich. Kaum hat man ihn geprüft, findet er einen neuen Grund, am Leben zu bleiben.

Besonders hartnäckig sind die Fragen, in denen mehreres zusammenkommt: Sie möchten wissen, ob Sie eine Zusage geben sollen. Beim Nachdenken beschäftigt Sie plötzlich hauptsächlich, ob jemand enttäuscht sein könnte. Und am Ende halten Sie die Rücksicht auf diesen Menschen für einen Beweis, dass Ihre eigene Entscheidung falsch wäre.

Der Engel der Klarheit würde hier eine Weile zuhören und dann fragen, worüber Sie eigentlich entscheiden wollten. Vielleicht wäre damit auf einmal wieder Ihre eigene Entscheidung gemeint. Die hatten Sie zwischenzeitlich aus den Augen verloren.

Ihre Rücksicht auf den anderen bleibt dadurch wertvoll. Die beiden Anliegen verdienen allerdings, einzeln betrachtet zu werden. Sie können einem Menschen freundlich begegnen und trotzdem zu einem anderen Entschluss kommen, als er sich erhofft. Vielleicht wird das Gespräch schwierig. Es hilft allerdings, wenn Sie vorher wissen, was Sie vertreten wollen.

Bei Ihrer heutigen Frage könnte ein Wort entscheidend sein, das Sie bisher überlesen haben. Nehmen Sie „muss“. Das klingt nach einer unumstößlichen Vorschrift. Auf Nachfrage stellt sich womöglich heraus, dass jemand etwas seit Jahren auf dieselbe Art erledigt und nie erwogen hat, es anders zu machen. Plötzlich lässt sich über etwas sprechen, das zuvor als feststehend galt.

Eine offene Frage bleibt offen, selbst wenn Sie sich den ganzen Nachmittag mit ihr beschäftigen. Das ist ärgerlich, aber manchmal unumgänglich. Morgen kommen womöglich Informationen hinzu. Heute lässt sich schon festhalten, was sicher ist und worüber noch gesprochen werden muss.

Vielleicht wartet ein Satz darauf, endlich ausgesprochen zu werden. Einer ohne kunstvolle Vorrede, ohne gedankliche Fußnoten. Er könnte ganz einfach beginnen: „Ich möchte das verstehen.“ Der Engel der Klarheit hätte daran gewiss seine Freude. Denn sobald Sie den Mut aufbringen nachzufragen, kann jemand wirklich antworten.

Für Ihren Tag etwas Leichtigkeit und einen Gedanken, der guttut.