„Ist schon okay.“ Zwei Sekunden später ärgern Sie sich vielleicht über Ihre vorschnelle Zusage. Denn okay ist es eigentlich gar nicht für Sie. Sie wollten nur kein Fass aufmachen, keine lange Erklärung liefern oder haben schlicht schneller gesprochen als nachgedacht. Solche kleinen Unwahrheiten sind im Alltag ziemlich praktisch. Für eine Weile jedenfalls.
Der Engel der Ehrlichkeit würde deshalb nicht mit erhobenem Zeigefinger auftauchen. Ihn interessiert eher diese kurze Stelle, an der Sie selbst merken: Da habe ich etwas schöner gemacht, als es ist. Oder vernünftiger. Oder leichter verdaulich. Das kann eine Kleinigkeit sein, und trotzdem lohnt sich ein zweiter Blick. Meist wissen Sie nämlich sehr wohl, welcher Satz ehrlicher gewesen wäre.
Botschaft des Engels der Ehrlichkeit
Sei ehrlich mit dir, bevor du anfängst, dir etwas zurechtzulegen. Du musst niemandem Rechenschaft ablegen. Sag dir, was wirklich los ist. Auch wenn dir die Antwort nicht gefällt. Dann weißt du wenigstens, womit du es zu tun hast.
Damit ist die Sache natürlich noch nicht erledigt. Wer sich eingesteht, dass eine Zusage zu viel war, hat die Zusage damit noch nicht aus der Welt geschafft. Wer merkt, dass er etwas eigentlich gar nicht mehr möchte, braucht womöglich ein bisschen, bis daraus eine Entscheidung wird. Und ein Irrtum bleibt ein Irrtum, auch wenn man ihn endlich beim Namen nennt. Aber wenigstens muss man sich anschließend keine zweite Geschichte dazu ausdenken.
Der Engel würde daraus keine Prüfung machen. Er erwartet auch keine schonungslose Selbstanalyse. Schauen Sie eher auf die Stellen, bei denen Ihre eigene Erklärung inzwischen ein wenig abgenutzt klingt. Vielleicht sagen Sie sich seit Wochen, dass etwas „schon gehen wird“. Vielleicht begründen Sie eine Entscheidung immer wieder neu, obwohl Sie längst unzufrieden damit sind. Dann könnte die ehrlichere Fassung überraschend kurz sein: „Ich will das nicht mehr.“ Oder: „Ich habe mich geirrt.“ Auch „Ich will es trotzdem“ kann eine ziemlich ehrliche Antwort sein.
Wenn Sie diese Engelkarte zu einer bestimmten Frage gezogen haben, lassen Sie die lange Begründung einmal weg. Was würden Sie antworten, wenn Sie niemanden überzeugen müssten? Was käme zuerst, bevor Vernunft, Höflichkeit oder die Erwartungen anderer ihre Kommentare dazugeben? Bei diesem ersten Satz würde der Engel vermutlich aufmerksamer werden.
Ehrlichkeit verlangt übrigens nicht, jeden Gedanken sofort nach außen zu tragen. Manche Dinge können zunächst bei Ihnen bleiben. Auch ein Nein muss nicht scharf klingen. „Das schaffe ich heute nicht“ ist ein guter Satz. Ebenso „Ich weiß es noch nicht.“ Man muss eine klare Antwort nicht mit Härte verwechseln.
Und auch sich selbst gegenüber darf der Ton freundlich bleiben. Wenn Sie feststellen, dass Sie neidisch waren, sich gedrückt haben, etwas falsch eingeschätzt oder sich mehr erhofft haben, brauchen Sie sich dafür nicht gleich vor ein inneres Tribunal zu stellen. So etwas kommt vor. Der interessante Teil beginnt danach: Was machen Sie mit dem, was Sie nun über die Sache wissen?
Vielleicht begegnet Ihnen heute eine dieser kleinen Ausreden, die schon so vertraut geworden ist, dass sie fast automatisch kommt. Hören Sie kurz darauf, wie sie klingt. Glauben Sie sie eigentlich selbst noch? Falls nicht, können Sie sie für heute einfach fallen lassen.
Am Ende muss daraus keine spektakuläre Erkenntnis werden. Es wäre schon einiges gewonnen, wenn Sie bei einer Sache sagen können: Jetzt weiß ich wenigstens, wie ich wirklich dazu stehe.