Yin Yang im I Ging

Yin und Yang im I Ging: Warum die Hexagramme auf diesem Prinzip beruhen

von Betina Graf

Yin Yang im I Ging

Wer sich mit dem I Ging beschĂ€ftigt, stĂ¶ĂŸt frĂŒh auf Yin und Yang. Diese beiden GrundqualitĂ€ten bilden das Fundament des ganzen Systems. Aus ihnen entstehen die Linien, aus den Linien die Trigramme, aus den Trigrammen die Hexagramme. Auch Begriffe wie altes Yin oder junges Yang lassen sich erst dann gut einordnen, wenn dieses Grundprinzip klar vor Augen liegt.

Yin und Yang im I Ging: Warum die Hexagramme auf diesem Prinzip beruhen

Die Begriffe Yin und Yang stammen aus dem alten China. Am Anfang bezogen sie sich auf eine sehr anschauliche Naturbeobachtung: auf die Schattenseite und die Sonnenseite eines HĂŒgels. Aus dieser Herkunft entwickelte sich nach und nach ein Denkmodell fĂŒr gegensĂ€tzliche, sich ergĂ€nzende QualitĂ€ten. So wurden Yin und Yang zu einem SchlĂŒssel, um Wandel, Ausgleich und Bewegung im Leben zu beschreiben.

Im I Ging bekamen diese Begriffe ihren festen Platz. Die alten Orakelzeichen arbeiteten mit Linienbildern, und aus diesen Linienbildern entstand ein System, das Wandlungen sichtbar macht. Eine durchgehende Linie steht fĂŒr Yang, eine unterbrochene Linie fĂŒr Yin. Daraus entstehen die Trigramme und schließlich die 64 Hexagramme.

Übrigens: Das heute bekannte runde Yin-Yang-Symbol entstand erst spĂ€ter aus chinesischen Kosmologie-Diagrammen. Es wird Taijitu („Diagramm des höchsten Prinzips“1) genannt und ist zu einem prĂ€genden Bild fĂŒr das Zusammenspiel von Yin und Yang geworden.


Yin und Yang als Grundlage des I Ging

Im I Ging stehen Yin und Yang fĂŒr zwei GrundqualitĂ€ten, die sich ergĂ€nzen und im Wechsel wirken.

  • Yin steht fĂŒr das Empfangende, Nachgiebige, Innere und Sammelnde
  • Yang steht fĂŒr das Aktive, Klare, VorwĂ€rtsgehende und Gestaltende

Erst im Zusammenspiel beider QualitÀten entsteht Wandel. Genau deshalb beginnt das I Ging bei Yin und Yang.


So werden Yin und Yang im I Ging sichtbar

Das I Ging arbeitet mit zwei Linienarten:

  • eine unterbrochene Linie steht fĂŒr Yin
  • eine durchgehende Linie steht fĂŒr Yang

Diese schlichte Unterscheidung bildet die Basis des gesamten Systems. Jede Aussage des I Ging beginnt bei diesen beiden Linien.

Wie aus Linien Trigramme und Hexagramme entstehen

Aus drei Linien entsteht ein Trigramm. Aus zwei Trigrammen entsteht ein Hexagramm mit sechs Linien.

Da jede Linie zu Yin oder Yang gehört, ergeben sich 64 Hexagramme. Genau hier zeigt sich sehr schön, weshalb die Hexagramme auf dem Yin-Yang-Prinzip beruhen: Jede einzelne Aussage entfaltet sich aus diesen beiden UrqualitÀten.

Warum Yin und Yang fĂŒr die Hexagramme so wichtig sind

Ein Hexagramm zeigt eine Situation in Bewegung. Es beschreibt, welche QualitÀt in einer Situation wirkt und wie sich diese Lage weiterentwickeln kann.

  • Eine Yin-Linie kann Aufnahme, Hingabe oder Nachgeben ausdrĂŒcken.
  • Eine Yang-Linie kann Antrieb, Klarheit oder Entschlossenheit zeigen.

Erst durch das Zusammenspiel aller sechs Linien entsteht das Bild des Hexagramms. Darum ruht das I Ging vollstÀndig auf Yin und Yang.


Was junges Yin, junges Yang, altes Yin und altes Yang bedeuten

Im I Ging gibt es vier Linienbezeichnungen:

  • 6 = altes Yin
  • 7 = junges Yang
  • 8 = junges Yin
  • 9 = altes Yang

Junges Yin und junges Yang bezeichnen stabile Linien. Altes Yin und altes Yang sind wandelnde Linien.

Damit wird sichtbar: Eine Linie zeigt im I Ging nicht nur eine QualitÀt, sie zeigt auch, ob diese QualitÀt ruhig bleibt oder sich wandelt.

Warum es „alt“ und „jung“ heißt

Mit „jung“ meint das I Ging eine frische, stabile AusprĂ€gung. Mit „alt“ ist eine ausgereifte Energie gemeint. Sie hat ihren Höhepunkt erreicht und geht in die Gegenrichtung ĂŒber.

Darum wandelt sich

  • altes Yin zu Yang
  • altes Yang zu Yin

Hier liegt ein zentraler Gedanke des I Ging: Jede QualitÀt bewegt sich weiter. Aus Yin kann Yang werden, aus Yang kann Yin werden.

Warum wandelnde Linien so wichtig sind

Sobald altes Yin oder altes Yang erscheint, entsteht durch die Verwandlung ein zweites Hexagramm.

Dabei gilt:

  • das erste Hexagramm zeigt die Ausgangslage
  • die wandelnden Linien zeigen den Bereich des Umschwungs
  • das zweite Hexagramm zeigt die Richtung der weiteren Entwicklung

Da macht das I Ging so besonders: Es beschreibt eine Ausgangslage und zugleich die Richtung ihrer VerÀnderung.


Weshalb die Hexagramme auf dem Yin-Yang-Prinzip beruhen

Der Grund liegt im GrundverstĂ€ndnis des I Ging: Alles Lebendige befindet sich im Wandel. Dieser Wandel entsteht aus dem Zusammenspiel zweier Pole. Yin und Yang stehen dabei fĂŒr die ursprĂŒngliche PolaritĂ€t, aus der jede Entwicklung hervorgeht: Empfangen und Gestalten, RĂŒckzug und Vorstoß, Ruhe und schöpferischer Impuls.

Die Hexagramme beruhen deshalb auf Yin und Yang, weil sie Situationen als lebendige KrÀfteverhÀltnisse beschreiben. Jede Situation enthÀlt beide Anteile. Ein Zustand entsteht, verÀndert sich, kippt, ordnet sich neu. Das I Ging betrachtet Leben also aus der Frage heraus: Welche KrÀfte wirken, wie stehen sie zueinander, und wohin entwickelt sich daraus der nÀchste Schritt?

Yin und Yang bilden dafĂŒr die innere Logik. Ohne diese PolaritĂ€t gĂ€be es im I Ging nur starre Aussagen. Durch Yin und Yang werden die Hexagramme zu Bildern des Wandels. Sie erfassen, dass RĂŒckzug bereits den Keim eines neuen Anfangs enthalten kann, dass AktivitĂ€t Ausgleich braucht und dass jedes Geschehen aus einem VerhĂ€ltnis gegensĂ€tzlicher, aber aufeinander bezogener KrĂ€fte entsteht.

Darum sind die Hexagramme im Kern Ausdruck des Yin-Yang-Prinzips: Sie machen sichtbar, dass Leben aus Wechsel, Ausgleich und Wandlung entsteht. Jede Linie, jedes Trigramm und jedes Hexagramm folgt dieser Grundidee. Das I Ging versteht Wirklichkeit als fortlaufenden Prozess, in dem Yin und Yang einander ergÀnzen, ablösen und neu ausrichten.


Fußnote

  1. Mit „höchstem Prinzip“ ist in der chinesischen Philosophie das grundlegende Ordnungsprinzip gemeint, aus dem alles hervorgeht. Es bezeichnet also die ursprĂŒngliche Einheit, aus der sich Yin und Yang und damit alle GegensĂ€tze entwickeln. ↩
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